Fest der Aufrichte

von 2bd am 20. September 2018

Es ist doch unglaublich, dass sich ein menschlicher Körper mit 67 Jahren, statt wie üblich sich stets weiter zu verkrümmen, immer weiter aufrichtet. Ein Körper zudem, der bereits ziemlich aufrecht da stand in der Welt. Wie ist das nur möglich? Eben, das ist die Frage.

Wie fast schon üblich, am frühen Morgen in der Verfassung ‚Todesnähe‘ schwebend – die Verzweiflung über das schwarze Loch, was die Entwicklung des Startups ‚Human-UP!‘ angeht: voller Energie zwar und eben doch ganz schwarz und scheinbar leer; diese Verzweiflung, mehr, als bloss Zweifel am baldigen Gelingen, sie ist dann stets manifest –; in dieser desolaten Verfassung also werde ich mir, einmal mehr, doch diesmal überdeutlich gewahr, dass es innerhalb meiner Ursprungsfamilie kaum Liebe gab. Ich nehme an, die Beteiligten wollten schon; doch wusste niemand, wie Liebe geht; die Eltern hatten nichts darüber gelernt in ihren Herkunftsfamilien. Da war zwar kaum aktiver Hass, immerhin. Und dies, obwohl mein Vater mich, das vierte Kind, so kurz nach dem Krieg glaubte, finanziell nicht verkraften zu können und meine Mutter aufforderte, mich abzutreiben. Seine Ablehnung wirkte zweifellos in der Tiefe. Doch an der alltäglichen Oberfläche war davon wenig zu spüren. Kaum Hass? Nun ja, Verachtung meiner Mutter ihrem Mann gegenüber gehörte absolut zum Alltag. Das war ganz bestimmt eine der primären Lehren meiner Kindheit. Okay, welcher Bub lernt das nicht von seiner Mutter?! Immerhin gab es da meine Tanten und Onkels, von denen mich einige geradezu innig liebten; mich den smarten, manierlichen, gepflegten, liebens-würdigen Neffen. Auch das Glück, von den kinderlosen Pflegeeltern eines Schulfreundes innig geliebt zu werden und dort eine Art zweites Zuhause zu finden, war mir beschert. Innen also kaum, aussen hingegen reichlich. Immerhin. Nur war diese Liebe ohne Erziehungsauftrag naturgemäss wenig verbindlich. Sie vermochte die insgesamt trostlose Situation meiner Kindheit kaum zu kompensieren; prägte die lieb-lose Atmosphäre doch trotz allem meinen Alltag.

Diese drastisch mangelnde Liebe – wohl das übliche Phänomen in der damaligen Zeit –, immerhin ohne zerstörenden Hass, plus die Lichtpunkte ausserhalb der unmittelbaren Familie, brachten mich dazu und erlaubten es mir gleichzeitig auch, stets und überall Ausschau zu halten nach Liebesquellen; mich mit diesem Ziel an die jeweils gegebenen aktuellen Gegebenheiten anzupassen und, egal in welchem Kontext, als aussergewöhnlich smart und liebens-, wenn nicht gar bewundernswert aufzufallen. Dies dauert weitgehend bis heute an, auch wenn ich mittlerweile darob öfter eher entsetzt bin.

Nun, dieser Wiederbegegnung gestern am frühen Morgen vorbehaltlos(!) zuzustimmen, mit ihr ganz selbstverständlich in vollkommenen Einklang zu finden wirkte sich, der Logik des NormalProjekts gemäss, BEFREIEND aus. Sie führte mich postwendend in eine entspannte Verfassung, die sich so ausdrückte: Wenn ich vorbehaltlos respektiere, dass da kaum Liebe vorhanden war in meiner Familie, egal, wie ich mich darum bemühte, brauche ich mich ja auch nicht weiter dafür anzustrengen. Die aktuelle Tatsache, dass sich die ‚Welt‘ – die Familie eines modernen Erwachsenen – kein Yota für mich und meine Leistungen verbindlich interessiert, mich also nicht liebt (ohne mich abzulehnen), passt. Ich kann mich also frei durch die Welt bewegen, ohne Hoffnung und Ambitionen.

Und so geschah es dann auch bei meinem Gang ins Café bald danach. Als ich die Wohnung in Muralto verlasse, wo ich wieder einmal eines der kostbaren Retreats verbringe, rückt meine linke Schulter, die seit Monaten schmerzt und mich, ganz in Sinn und Logik des PP, tagtäglich daran erinnert, dass ich sie gewohnheitsmässig etwas nach vorn ziehe – um mich zu schützen? Kleiner zu machen? Zu verkrümmen? Fluchtbereit zu halten? –, unvermittelt ruckartig zurück. Ein unfassbares Gefühl des aufrecht Seins stellt sich ein – offen, präsent und stark. Und verbindet sich alsbald mit der Bereitschaft, meine menschliche Umgebung zu ignorieren. Ich, der sein Leben lang einfach alles um mich herum wahrnimmt, ja, wörtlich, ins Auge fasst (um ja keine Gelegenheit zu verpassen, bzw nichts falsch zu machen)?! Nun, so aussichtslos meine Situation auch erscheint – jetzt, nachdem ich gleichsam meinen Beitrag abgeliefert habe –, so kann ich immerhin entspannt, da hoffnungslos durchs Leben gehen; weitgehend allein zwar; doch immerhin die schlicht fantastische persönliche Wirkung des PrimärProzesses geniessend. Als 67-jähriger ganz entspannt aufrecht stehend und gehend zum Beispiel.

Zur Vorgeschichte dieses Fests der Aufrichte siehe später.

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